Voraussetzungen und Möglichkeiten von Schulentwicklung zum Abbau von Bildungsungleichheit

Schulen können Bildungsungleichheit allein nicht entgegenwirken, da sie in politische und gesellschaftliche Diskurse, Verwaltungs- und Verteilungsstrukturen eingebettet sind, die benachteiligende Praktiken auf der Ebene des Schulsystems, der Einzelschule und des Unterrichts präfigurieren und legitimieren. Dennoch gibt es Spielräume für Einzelschulen, Lernen und Entwicklung so zu gestalten, dass Ungleichheit innerhalb der Institution nicht zusätzlich verstärkt und im besten Fall abgemildert wird. Will man jedoch Entwicklungen befördern, die über einzelne «Leuchtturmschulen» hinausgehen, dürfen Schulen und in ihnen tätige Menschen nicht allein gelassen werden. Um Bildungsungleichheit systematisch entgegenzuwirken, braucht es neue Konzepte für die Organisation und Prozessgestaltung von Schule und Unterricht sowie ein gezielt auf den Abbau von Benachteiligung gerichtetes Handeln auf allen Ebenen des Bildungssystems und darüber hinaus. Hilfreich könnte hier eine geteilte «Grammatik» des Problemlösens sein, die an den praktischen Problemen der Akteure ansetzt und eine geteilte Logik in der Bearbeitung von Herausforderungen zur Verfügung stellt und so kollektive Selbstwirksamkeitserfahren und «collective agency» befördert.

Es diskutierten Nina Bremm, Professorin für Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Sascha Wenzel, Konrektor der Grundstufe der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli.

Moderiert wurde die Sitzung von Benjamin Edelstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB.

Digitalisierung und Soziale Ungleichheit

Der erste Zyklus des Kolloquiums zur „Digitalisierung” ist nunmehr abgeschlossen und der Start des zweiten Zyklus zum Steuerungsproblem „Bildungsungleichheit“ steht unmittelbar bevor. Diese Sitzung ist als Scharnier zwischen den Zyklen angelegt und leuchtete in zwei Vorträgen Zusammenhänge zwischen den beiden Themenkomplexen aus.  

Im Vortrag von Prof. Dr. Julia Gerick (TU Braunschweig) stand der Zusammenhang von Digitalisierung und sozialer Ungleichheit auf der Ebene der einzelnen Schüler*innen im Fokus. Auf Grundlage der 2018 zum zweiten Mal durchgeführten International Computer and Information Literacy Study (ICILS) wurden vier Dimensionen ‚digitaler Spaltung‘ betrachtet: Der materielle und physische Zugang zu digitalen Medien, die auf sie bezogenen Einstellungen der Schüler*innen, das Nutzungsverhalten sowie der besonders relevante Aspekt der ‚digitalen Kompetenzen‘. Die Befunde zeigten, dass insbesondere im Bereich des Kompetenzerwerbs der Schüler*innen nach wie vor starke herkunftsbedingte Disparitäten bestehen.

Der Vortrag von Prof. Dr. Kathrin Racherbäumer (Universität Siegen) verlagerte den Fokus anschließend von der Individualebene auf die Ebene der Schulen, wobei die digitalisierungsbezogene Schulentwicklung an sozialräumlich benachteiligten Schulen im Zentrum der Betrachtung steht. Sie fragte nach der sächlichen und personellen Ausstattung dieser Schulen und explorierte die Haltung dort tätiger Lehrpersonen zum Einsatz digitaler Medien. Obgleich Forschungsergebnisse seit längerem auf das Potential der Digitalisierung gerade für benachteiligte Schüler*innen verweisen, offenbaren Interviews diesbezüglich große Skepsis in den Kollegien.

Moderiert wurde die Sitzung von Benjamin Edelstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB.

Ein Schritt vor, zwei zurück? Zum Stand der digitalen Transformation im schulischen Bildungsbereich

Am 9. Dezember hat die KMK neue Empfehlungen zu “Lehren und Lernen in der digitalen Welt” beschlossen, die die KMK-Strategie “Bildung in der digitalen Welt” aus 2016 ergänzen. Vor diesem hochaktuellen Hintergrund befasste sich die Sitzung mit der überregionalen Steuerung von Bildungsprozessen im Bereich Digitalisierung. Wie viel länderübergreifende Rahmensetzung (Standards, Systeme, Medien, ID-Protokolle, Datenschutzprüfungen etc.) ist notwendig und wie viel Spielraum benötigen die Länder zur regionalen Ausgestaltung der digitalen Transformation im schulischen Bereich? Nicht zuletzt mit dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wird deutlicher Druck zu mehr länderübergreifender Kooperation und neuen Formen der Bund-Länder-Zusammenarbeit im Bereich Digitalisierung ausgelöst. Kann die KMK vor dem Hintergrund dieser neuen Herausforderungen zu einer effizienten Abstimmungs- und Steuerungsarena entwickelt werden?

Es diskutierten Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn, und Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung in Hamburg sowie sog. A-Koordinator in der KMK.

Moderiert wurde die Sitzung von Mark Rackles, Fellow am WZB und Staatssekretär a.D. der Senatsverwaltung für Bildung in Berlin.

Sie finden die Präsentationsfolien von Birgit Eickelmann hier:

Digitale Transformation von Schule als Handlungsfeld der Landespolitik

Blickt man auf das Zusammenwirken von Bund, Ländern, Kommunen und Schulen bei der Digitalisierung, so erscheint die Steuerungsstruktur in Deutschland überkomplex und dysfunktional. Die ‚klassische‘ Zuständigkeits- und Aufgabenverteilung der unterschiedlichen Ebenen und Akteure funktioniert nicht mehr. Um digitale Schulentwicklungsprozesse gut zu gestalten, müssen neue Wege gegangen werden – auch und gerade in der Landespolitik. Wie kann das geschehen? Welche Auswege gibt es aus dem föderalen Steuerungsdilemma?

Es diskutierten Andreas Breiter, Professor für Angewandte Informatik an der Universität Bremen/wissenschaftlicher Direktor Ifib reseach und Götz Bieber, Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM). Moderiert wurde die Sitzung von Michael Wrase, Professor für Öffentliches Recht, Universität Hildesheim & Senior Researcher am WZB.

Sie finden die Präsentationsfolien von Andreas Breiter hier:

Die Rolle der kommunalen Schulträger bei der Digitalisierung

Um die Digitalisierung ihrer Schullandschaften voranzutreiben, sind Kommunen auf verlässliche Ressourcen für eine IT-Ausstattung und deren Administration, regelmäßige Schulungen ihrer Lehrkräfte und auch die bauliche Gestaltung einer geeigneten Lernumgebung angewiesen. Doch vor welchen Herausforderungen und Steuerungsmöglichkeiten stehen dabei Kommunen und wie kann die Zusammenarbeit verschiedener Akteure auf kommunaler Ebene gestaltet werden? Diese Fragen wurden sowohl im Vortrag als auch anhand von Praxisbeispielen erläutert.

Der einführende Vortrag erfolgte durch Hendrik Scheller, Teamleiter des Forschungsbereichs Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen am Deutschen Institut für Urbanistik. Die Kommentierung der Ausführungen erfolgte durch zwei Praktiker: Markus Lindner, Leitung der Transferagentur für Großstädte der Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement, und Karsten Ostendorf, Leiter des IT-Services Schulen in der Stadt Wolfsburg. Die Sitzung moderierte Rita Nikolai, Professorin an der Universität Augsburg.

Sie finden die Präsentationsfolien von Hendrik Scheller hier:

Digitalisierungsbezogene Schulentwicklung: Mehr als die Summe der Einzelteile

Schule hat die Aufgabe, Heranwachsende auf eine Teilhabe an der zunehmend digitalisierten Welt vorzubereiten. Wie können Schulentwicklungsprozesse im Kontext der Digitalisierung gestaltet werden? Welche Handlungsfelder sind dafür relevant? Und welche Fortbildungs- und Unterstützungssysteme erscheinen geeignet, digitalisierungsbezogene Schulentwicklung voranzubringen? Der Vortrag adressierte diese Fragen sowohl konzeptionell als auch auf Basis aktueller Forschungsbefunde.

Es diskutierten Manuela Endberg, Leiterin des Forschungsbereichs „Schulentwicklung und Digitalisierung“ in der Arbeitsgruppe Bildungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Duisburg-Essen, und Sabrina Bippus, Schulleiterin der Schule am Schloss Potsdam.
Benjamin Edelstein, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB, moderierte die Sitzung.

Sie finden die Präsentationsfolien von Manuela Endberg sowie eine unverbindliche Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen der Kolloquiumssitzung hier:

Bildungssteuerung im Mehrebenensystem

Das Kolloquium startete mit einem Impuls aus dem benachbarten Föderalstaat Schweiz. Katharina Maag Merki, die als Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse an der Universität Zürich lehrt, beleuchtete u.a. die spezifischen Steuerungsprobleme der Bildung im Mehrebenensystem. In der Auftaktsitzung sollte aus einer übergreifenden (Educational Governance-)Perspektive auf Steuerungsdefizite und Herausforderungen des Bildungssystems eingegangen werden, die in den Folgesitzungen in Bezug auf die beiden übergreifenden Herausforderungen „Digitalisierung“ und „Bildungsungleichheiten“ konkretisiert werden. Mark Rackles, Fellow am WZB und langjähriger Staatssekretär für Bildung, moderierte die Sitzung. Die Begrüßung erfolgte durch die Präsidentin des WZB, Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D.

In ihrer Präsentation ging Prof. Maag Merki auf die Analyseinstrumente des Forschungsansatzes ein (Differenzierung in Regelsysteme, Handlungsakteure und Handlungskoordination), erläuterte die Bedeutung informeller Handlungskoordination (“gelebte Systeme”) und das Phänomen eines Schulkonkordats, das formal zwar nicht von allen Kantonen getragen wird, in der Schulpraxis jedoch trotzdem bundesweite Wirkung entfaltet. Im Ergebnis der Diskussion blieben Zweifel, ob die Bildungsstrukturen der beiden Nachbarländer Deutschland und Schweiz jenseits der föderalen Grundstruktur vergleichbar sind. Zudem zeigte sich, dass trotz eines etwas höheren Maßes an kantonsübergreifender Kooperation das spezifische Ziel des Abbaus von Bildungsungleichheiten in der Schweiz nicht besser erreicht wird, als in Deutschland. Ein erhöhtes Maß an länderübergreifender Kooperation alleine ist somit kein Prädiktor für Steuerungseffizienz.

Sie finden die Präsentationsfolien von Prof. Maag Merki sowie eine unverbindliche Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen der Kolloquiumssitzung hier:

Steuerung in der Fläche: entscheidet der Wohnort über Bildungschancen?

Regionale Unterschiede des Bildungsangebots, der kommunalen Finanzkraft, der Bevölkerungsentwicklung und der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung führen zu komplexen Herausforderungen für das Steuerungshandeln der Bildungspolitik, obwohl diese über Bundesländer hinweg erkennbar davor zurückschreckt konfliktbehaftete Handlungsfelder zu bearbeiten. Was wäre zu tun, um den zunehmenden Disparitäten der Bildungsmöglichkeiten nach Regionen und einzelnen Bildungseinrichtungen zu begegnen?

Es diskutieren Horst Weishaupt, Professor an der Bergischen Universität Wuppertal im Ruhestand und ehem. Leiter der Arbeitseinheit „Steuerung und Finanzierung des Bildungswesens“ am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) in Frankfurt am Main, und Björn Hermstein, Schulentwicklungsplaner im Dezernat ‘Familie, Schule, Integration und Sport’ der Stadt Oberhausen.
Die Moderation übernimmt Benjamin Edelstein, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB.

Menschenrecht ohne Steuerung – wo steht die schulische Inklusion?

Seit in Deutschland 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert wurde, gilt es, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten. Gleichwohl zeigen sich bei der Umsetzung eine Vielzahl von Widersprüchen und Barrieren; sogar die Möglichkeit des Scheiterns von Inklusion wird thematisiert. Hat hier die Steuerung versagt? Kann man inklusive Bildung überhaupt steuern? In diesem Vortrag soll die aktuelle Situation skizziert und Steuerungsproblematiken wie Steuerungsoptionen thematisiert werden.

Es diskutieren Rolf Werning, Professor für Inklusive Schulentwicklung an der Leibniz Universität Hannover und Sybille Volkholz, Senatorin für Schule, Berufsbildung und Sport in Berlin a.D. und Mitglied der “Fokusgruppe Bildungspolitik” der Heinrich-Böll-Stiftung.
Die Moderation übernimmt Benjamin Edelstein, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB.

Zu viel versprochen? Grenzen und Potenziale der Outputsteuerung

Input-, Throughput-, Output- oder Outcome-Steuerung? Die Bildungsforschung hat keinen Mangel an Bewertungsansätzen, die an der Steuerung von Ressourcen ansetzen. Die einen hoffen auf Effizienzsteigerung im Ressourceneinsatz, die anderen auf auf Qualitätssteigerung im Bildungswesen.  Aber was wirkt am Ende wirklich? Lässt sich die Qualität von Bildung als „Output“ bestimmen?

Es diskutieren Hans Anand Pant, Professor für Erziehungswissenschaftliche Methodenlehre an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Martina Diedrich, Direktorin des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) in Hamburg.
Die Moderation übernimmt Mark Rackles, Fellow am WZB & Staatssekretär a.D. der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin.