20 Debatten um Bildungssteuerung: ein Zwischenfazit

In zwei Staffeln und insgesamt 20 Sitzungen wurde im WZB-Kolloquium „Wunsch und Wirklichkeit deutscher Bildungspolitik – Steuerung auf dem Prüfstand“ über die Probleme in der Steuerung von Bildungsprozessen, über die verschiedenen Handlungsebenen und mögliche Lösungsansätze gesprochen. Das Format setzte in jeder Sitzung systematisch auf einen Input fachkundiger Wissenschaftler:innen und eine Kommentierung durch eine:n erfahrene:n Bildungspraktiker:in bzw. Bildungspolitiker:in. Auf der Praxisseite haben sich Schulleitungen, Schulaufsichten, Staatssekretär:innen und Minister:innen der Bildungsverwaltung sowie KMK-Generalsekretär und KMK-Präsidentin eingebracht. Zum Abschluss der zweiten Staffel wollen wir aus wissenschaftlicher und bildungspraktischer Sicht ein kritisches Zwischenfazit ziehen und im (moderierten) Gespräch mit allen interessierten Teilnehmer:innen des Kolloquiums nach dem Ertrag der Reihe fragen. Aus wissenschaftlicher Sicht stellte sich etwa die Frage nach Transferhindernissen von Erkenntnissen in die Praxis und von Forschungslücken wie etwa auf Ebene der Schulaufsichten. Auf schulpraktischer Seite rückte zuletzt die Frage nach der systemischen Angst vor Strukturfragen und die Flucht in Schulfrieden und Kompensationsprogrammen in den Vordergrund. Wo hat das Kolloquium neue Einsichten, Fragen oder Ansätze befördert, wo hat es ggf. Grenzen von Steuerungsmöglichkeiten aufgezeigt? Welche Themen sollten in einer etwaigen weiteren Staffel in den Blick genommen werden? Diese und weitere, von Ihnen einzubringende Fragen wurden im offenen Format mit den Organisator:innen des Kolloquiums online diskutiert.

Aus dem Kreis der Organisator:innen erfolgte ein erstes Resümee aus wissenschaftlicher Sicht durch Benjamin Edelstein (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB), aus bildungspolitischer Sicht durch Mark Rackles (Staatssekretär a.D. und Fellow am WZB). Stefan Immerfall, Professor für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, stellte seinen Blick als Zuschauer auf das Kolloquium vor.

Wenn Sie noch Anregungen, Kritik oder Verbesserungsvorschläge haben, melden Sie sich jederzeit bei uns!

Schulpolitik gegen Bildungsungleichheit – Was tun Bund und Länder?

Seit Jahrzehnten wird die enge Verbindung von soziale Herkunft und Bildungsarmut in Deutschland politisch thematisiert. In den letzten Sitzungen des Kolloquiums wurden die Steuerungsmöglichkeiten gegen Bildungsungleichheit auf schulischer Ebene, auf Ebene der Schulträger und auf Ebene der Schulverwaltung beleuchtet und diskutiert. In der anstehenden  Sitzung soll aus einer länderübergreifenden Ebene gefragt werden, was gegen Bildungsungleichheiten getan wird bzw. getan werden könnte. Die Debatte scheint sich über die Jahre von einer Debatte um Strukturen (wie etwa zu Mehrgliedrigkeit des Schulsystems) zu einer Debatte um Programme verschoben zu haben. KMK und BMBF haben 2019 das Programm „Schule macht stark“ aufgelegt (300 Schulen). Die neue Ampel-Regierung hat 2021 das „Startchancen“-Programm für 4.000 Schulen aufgelegt und für weitere 4.000 Schulen „in benachteiligten Regionen und Quartieren“ zusätzliche Personalstellen angekündigt. Ist von diesen milliardenschweren Programmen ein Abbau von Bildungsungleichheit zu erwarten und was lässt sich länderübergreifend steuern?

Hierüber diskutierten wir mit Isabelle van Ackeren, Professorin für Bildungssystem- und Schulentwicklungsforschung an der Universität Duisburg-Essen und Helmut Holter, Minister für Bildung, Jugend und Sport in Thüringen.

Moderiert wurde die Sitzung von Mark Rackles, Staatssekretär a.D. und Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

Landespolitische Maßnahmen zur Verminderung sozialer Disparitäten

Die hohe Abhängigkeit des schulischen Bildungserfolgs in Deutschland von der sozialen Herkunft ist ein Befund, der von der Bildungsforschung seit Jahrzehnten immer wieder erneuert wurde. Auch der vergleichsweise hohe Anteil von bildungsarmen jungen Menschen besteht, trotz gradueller Verbesserungen, fort. Darüber hinaus ist gerade in großstädtischen Räumen eine erhebliche und weiter zunehmende soziale Segregation zwischen einzelnen Stadtteilen und Schulen zu verzeichnen. Das (Un-)Wort von der „Brennpunktschule“ gehört mittlerweile zum festen Repertoire der bildungspolitischen Debatten. Von einzelnen Bundesländern sind mittlerweile Maßnahmen ergriffen worden, das Problem zu adressieren und Bildungsungleichheiten abzubauen. Zu nennen sind – neben etlichen Einzel- und Modellprogrammen – insb. sozialindizierte Mittelzuweisungen an Schulen (KESS-Index, Bonusprogramm) oder auch die Schaffung neuer Schulformen (bspw. Sekundar- und Gemeinschaftsschulen). Welche Wirkung hatten und haben diese und andere Maßnahmen? Welche landespolitischen Maßnahmen wären nötig, um soziale Ungleichheiten tatsächlich abzubauen? Was ist in den kommenden Jahren von den Ländern – auch mit der Rückendeckung neuer Bundesprogramme – zu erwarten?

Über diese Fragen diskutierten Gabriele Bellenberg, Professorin für Schulforschung und Schulpädagogik an der Ruhr-Universität Bochum und Martina Diedrich, Direktorin des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) der Hansestadt Hamburg.

Moderiert wurde die Sitzung von Michael Wrase, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Hildesheim und Senior Researcher am WZB.

Handlungsansätze kommunaler Schulträger zur Reduzierung sozialer (Bildungs-)Ungleichheiten

Vor welchen Herausforderungen und Steuerungsmöglichkeiten stehen Kommunen, um soziale (Bildungs-)Ungleichheiten an Schulen abbauen zu können? Wie kann dabei die Zusammenarbeit verschiedener Akteure auf kommunaler Ebene gestaltet werden? Diese Fragen wurden sowohl im Vortrag als auch anhand von Praxisbeispielen erläutert.

Der einführende Vortrag erfolgte durch Norbert Sendzik, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Die Kommentierung der Ausführungen erfolgte durch Björn Hermstein, Schulentwicklungsplaner im Dezernat ‘Familie, Schule, Integration und Sport’ der Stadt Oberhausen.

Die Sitzung wurde moderiert von Rita Nikolai, Professorin an der Universität Augsburg.

Voraussetzungen und Möglichkeiten von Schulentwicklung zum Abbau von Bildungsungleichheit

Schulen können Bildungsungleichheit allein nicht entgegenwirken, da sie in politische und gesellschaftliche Diskurse, Verwaltungs- und Verteilungsstrukturen eingebettet sind, die benachteiligende Praktiken auf der Ebene des Schulsystems, der Einzelschule und des Unterrichts präfigurieren und legitimieren. Dennoch gibt es Spielräume für Einzelschulen, Lernen und Entwicklung so zu gestalten, dass Ungleichheit innerhalb der Institution nicht zusätzlich verstärkt und im besten Fall abgemildert wird. Will man jedoch Entwicklungen befördern, die über einzelne «Leuchtturmschulen» hinausgehen, dürfen Schulen und in ihnen tätige Menschen nicht allein gelassen werden. Um Bildungsungleichheit systematisch entgegenzuwirken, braucht es neue Konzepte für die Organisation und Prozessgestaltung von Schule und Unterricht sowie ein gezielt auf den Abbau von Benachteiligung gerichtetes Handeln auf allen Ebenen des Bildungssystems und darüber hinaus. Hilfreich könnte hier eine geteilte «Grammatik» des Problemlösens sein, die an den praktischen Problemen der Akteure ansetzt und eine geteilte Logik in der Bearbeitung von Herausforderungen zur Verfügung stellt und so kollektive Selbstwirksamkeitserfahren und «collective agency» befördert.

Es diskutierten Nina Bremm, Professorin für Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Sascha Wenzel, Konrektor der Grundstufe der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli.

Moderiert wurde die Sitzung von Benjamin Edelstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB.

Digitalisierung und Soziale Ungleichheit

Der erste Zyklus des Kolloquiums zur „Digitalisierung” ist nunmehr abgeschlossen und der Start des zweiten Zyklus zum Steuerungsproblem „Bildungsungleichheit“ steht unmittelbar bevor. Diese Sitzung ist als Scharnier zwischen den Zyklen angelegt und leuchtete in zwei Vorträgen Zusammenhänge zwischen den beiden Themenkomplexen aus.  

Im Vortrag von Prof. Dr. Julia Gerick (TU Braunschweig) stand der Zusammenhang von Digitalisierung und sozialer Ungleichheit auf der Ebene der einzelnen Schüler*innen im Fokus. Auf Grundlage der 2018 zum zweiten Mal durchgeführten International Computer and Information Literacy Study (ICILS) wurden vier Dimensionen ‚digitaler Spaltung‘ betrachtet: Der materielle und physische Zugang zu digitalen Medien, die auf sie bezogenen Einstellungen der Schüler*innen, das Nutzungsverhalten sowie der besonders relevante Aspekt der ‚digitalen Kompetenzen‘. Die Befunde zeigten, dass insbesondere im Bereich des Kompetenzerwerbs der Schüler*innen nach wie vor starke herkunftsbedingte Disparitäten bestehen.

Der Vortrag von Prof. Dr. Kathrin Racherbäumer (Universität Siegen) verlagerte den Fokus anschließend von der Individualebene auf die Ebene der Schulen, wobei die digitalisierungsbezogene Schulentwicklung an sozialräumlich benachteiligten Schulen im Zentrum der Betrachtung steht. Sie fragte nach der sächlichen und personellen Ausstattung dieser Schulen und explorierte die Haltung dort tätiger Lehrpersonen zum Einsatz digitaler Medien. Obgleich Forschungsergebnisse seit längerem auf das Potential der Digitalisierung gerade für benachteiligte Schüler*innen verweisen, offenbaren Interviews diesbezüglich große Skepsis in den Kollegien.

Moderiert wurde die Sitzung von Benjamin Edelstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB.

Ein Schritt vor, zwei zurück? Zum Stand der digitalen Transformation im schulischen Bildungsbereich

Am 9. Dezember hat die KMK neue Empfehlungen zu “Lehren und Lernen in der digitalen Welt” beschlossen, die die KMK-Strategie “Bildung in der digitalen Welt” aus 2016 ergänzen. Vor diesem hochaktuellen Hintergrund befasste sich die Sitzung mit der überregionalen Steuerung von Bildungsprozessen im Bereich Digitalisierung. Wie viel länderübergreifende Rahmensetzung (Standards, Systeme, Medien, ID-Protokolle, Datenschutzprüfungen etc.) ist notwendig und wie viel Spielraum benötigen die Länder zur regionalen Ausgestaltung der digitalen Transformation im schulischen Bereich? Nicht zuletzt mit dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wird deutlicher Druck zu mehr länderübergreifender Kooperation und neuen Formen der Bund-Länder-Zusammenarbeit im Bereich Digitalisierung ausgelöst. Kann die KMK vor dem Hintergrund dieser neuen Herausforderungen zu einer effizienten Abstimmungs- und Steuerungsarena entwickelt werden?

Es diskutierten Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn, und Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung in Hamburg sowie sog. A-Koordinator in der KMK.

Moderiert wurde die Sitzung von Mark Rackles, Fellow am WZB und Staatssekretär a.D. der Senatsverwaltung für Bildung in Berlin.

Sie finden die Präsentationsfolien von Birgit Eickelmann hier:

Digitale Transformation von Schule als Handlungsfeld der Landespolitik

Blickt man auf das Zusammenwirken von Bund, Ländern, Kommunen und Schulen bei der Digitalisierung, so erscheint die Steuerungsstruktur in Deutschland überkomplex und dysfunktional. Die ‚klassische‘ Zuständigkeits- und Aufgabenverteilung der unterschiedlichen Ebenen und Akteure funktioniert nicht mehr. Um digitale Schulentwicklungsprozesse gut zu gestalten, müssen neue Wege gegangen werden – auch und gerade in der Landespolitik. Wie kann das geschehen? Welche Auswege gibt es aus dem föderalen Steuerungsdilemma?

Es diskutierten Andreas Breiter, Professor für Angewandte Informatik an der Universität Bremen/wissenschaftlicher Direktor Ifib reseach und Götz Bieber, Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM). Moderiert wurde die Sitzung von Michael Wrase, Professor für Öffentliches Recht, Universität Hildesheim & Senior Researcher am WZB.

Sie finden die Präsentationsfolien von Andreas Breiter hier:

Die Rolle der kommunalen Schulträger bei der Digitalisierung

Um die Digitalisierung ihrer Schullandschaften voranzutreiben, sind Kommunen auf verlässliche Ressourcen für eine IT-Ausstattung und deren Administration, regelmäßige Schulungen ihrer Lehrkräfte und auch die bauliche Gestaltung einer geeigneten Lernumgebung angewiesen. Doch vor welchen Herausforderungen und Steuerungsmöglichkeiten stehen dabei Kommunen und wie kann die Zusammenarbeit verschiedener Akteure auf kommunaler Ebene gestaltet werden? Diese Fragen wurden sowohl im Vortrag als auch anhand von Praxisbeispielen erläutert.

Der einführende Vortrag erfolgte durch Hendrik Scheller, Teamleiter des Forschungsbereichs Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen am Deutschen Institut für Urbanistik. Die Kommentierung der Ausführungen erfolgte durch zwei Praktiker: Markus Lindner, Leitung der Transferagentur für Großstädte der Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement, und Karsten Ostendorf, Leiter des IT-Services Schulen in der Stadt Wolfsburg. Die Sitzung moderierte Rita Nikolai, Professorin an der Universität Augsburg.

Sie finden die Präsentationsfolien von Hendrik Scheller hier:

Digitalisierungsbezogene Schulentwicklung: Mehr als die Summe der Einzelteile

Schule hat die Aufgabe, Heranwachsende auf eine Teilhabe an der zunehmend digitalisierten Welt vorzubereiten. Wie können Schulentwicklungsprozesse im Kontext der Digitalisierung gestaltet werden? Welche Handlungsfelder sind dafür relevant? Und welche Fortbildungs- und Unterstützungssysteme erscheinen geeignet, digitalisierungsbezogene Schulentwicklung voranzubringen? Der Vortrag adressierte diese Fragen sowohl konzeptionell als auch auf Basis aktueller Forschungsbefunde.

Es diskutierten Manuela Endberg, Leiterin des Forschungsbereichs „Schulentwicklung und Digitalisierung“ in der Arbeitsgruppe Bildungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Duisburg-Essen, und Sabrina Bippus, Schulleiterin der Schule am Schloss Potsdam.
Benjamin Edelstein, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB, moderierte die Sitzung.

Sie finden die Präsentationsfolien von Manuela Endberg sowie eine unverbindliche Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen der Kolloquiumssitzung hier: